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ESTER – der neue Interbanksatz und Auswirkungen auf die Bilanzierung

Financial Services -

Die Bedeutung von Geldmarkt-Referenzzinssätzen für die Finanzmärkte ist immens. Vom weltweiten Derivate-Markt mit einem Nominalvolumen von hunderten Billionen Euro bis hin zur privaten Immobilienfinanzierung werden die Interbank Offered Rates (IBOR) zur Preisfindung herangezogen. In den vergangenen Jahren waren LIBOR, EURIBOR und Co. aufgrund ihrer strukturellen Defizite jedoch in zahlreiche Skandale um Zinsmanipulationen verwickelt, so dass der globale Finanzstabilitätsrat FSB bereits 2014 zur Reform der Referenzzinssätze aufrief. Gemäß der daraufhin entstandenen EU-Benchmark-Verordnung (EU 2016/1011) dürfen ab dem 01.01.2020 weder der Tagesgeld-Referenzzinssatz EONIA noch der ungleich bedeutsamere EURIBOR, der als Referenz für Termingelder unterschiedlicher Laufzeit dient, in ihrer bisherigen Form für Neugeschäft verwendet werden. Diese Frist wurde jüngst in einer kurzfristig beschlossenen Ergänzung des Gesetzesentwurfs um zwei Jahre verlängert (d. h. neue Frist aktuell am 01.01.2022).

Es besteht weitestgehend ein Marktkonsens darüber, dass der EONIA durch den von der EZB ab Herbst 2019 bereitgestellten ESTER abgelöst werden soll. Darüber, wie eine Nachfolge des EURIBOR ausgestaltet sein könnte, beziehungsweise ob überhaupt ein neues transaktionsbasiertes Modell etabliert werden kann, wird auch im Jahr vor Inkrafttreten der Reform diskutiert. Fest steht jedoch zweifelsfrei, dass die Benchmark-Reform neben den immensen Auswirkungen auf insbesondere Derivate- und Kreditverträge auch spürbare Auswirkungen auf die Rechnungslegung haben wird. Das IASB hat sich im vergangenen Jahr im Rahmen eines Forschungsprojekts mit der Thematik auseinandergesetzt – viele Fragen bleiben jedoch offen. Mehr Klarheit soll mit einem Amendment des IFRS 9 und IAS 39 geschaffen werden; in der IASB Sitzung vom 08.02.2019 wurden hierzu die ersten Weichen gestellt.

Angesichts des knappen Zeitplans besteht, trotz noch vorherrschender Unsicherheiten, die Notwendigkeit – nicht nur für Banken – sich mit den Auswirkungen der Benchmark-Reform auseinanderzusetzen. Es ergeben sich unterschiedliche Fragestellungen für die Bilanzierung nach IFRS, von denen im Folgenden einige kurz beleuchtet werden sollen.

Hedge Accounting

Bereits vor der Umstellung des Referenzzinssatzes sind bestehende Cash Flow Hedge-Beziehungen zu analysieren. Sowohl nach IFRS 9 als auch nach IAS 39 müssen die Cash Flows aus dem designierten Grundgeschäft „highly probable“ sein. Fraglich ist nun, ob dies beispielsweise für einen über das Jahr 2020 hinaus emittierten, variabel in EURIBOR + x verzinsten Schuldtitel zu bejahen ist oder, ob die zukünftigen Cash Flows angesichts der anstehenden Benchmark-Reform und der ungewissen Marktentwicklungen eben nicht mehr als „highly probable“ angesehen werden können. Ebenso fordert der Standard eine prospektive Beurteilung der Wirksamkeit der Hedge-Beziehung, also der ökonomischen Beziehung zwischen Grund- und Sicherungsgeschäft, was eine vergleichbare Fragestellung aufwirft.

Der Annahme folgend, dass bei Ablösung des Referenzzinssatzes die neuen Konditionen fair – also möglichst äquivalent zu der bisherigen Verzinsung – gewählt werden, erscheint eine Fortführung der bestehenden Cash Flow Hedges erstrebenswert. Gestützt wird dies durch einen ersten Vorschlag für eine Anpassung des IFRS 9 und IAS 39 vom Februar diesen Jahres, in welchem das IASB deutliche Erleichterungen bei der prospektiven Beurteilung von Cash Flow Hedges vorsieht. Demnach soll hierbei hilfsweise davon ausgegangen werden können, dass der den Verträgen zugrundeliegende Referenzzinssatz unverändert fortbesteht. Diese Änderung soll bis Ende 2019 offiziell Eingang in IFRS 9 bzw. IAS 39 finden.

Zum Zeitpunkt der Ablösung des (EUR)IBOR werden sich weitere Fragestellungen sowohl für Fair Value als auch für Cash Flow Hedge Accounting ergeben, die sich im Laufe dieses Jahres mit Verdichtung der Informationslage herauskristallisieren werden. Ein besonderes Augenmerk sollte hierbei auf den Dokumentationsanforderungen liegen. Dem IFRS 9 folgend würde eine Anpassung der Dokumentation bezüglich des abgesicherten Risikos (in etwa von EURIBOR auf ESTER + x) zu einer Beendigung der Sicherungsbeziehung führen. Wie hiermit im Rahmen der Benchmark-Reform umzugehen sein wird, wird durch das IASB noch zu erörtern sein. Hier ist mit Sicherheit auch ein Zusammenhang zu den Änderungen am IAS 39 herzustellen, die im Zuge der Einführung von zentralen Gegenparteien und der Behandlung des sogenannten Backloadings durch das IASB vorgenommen wurden.

Modification vs. Derecognition

Zahlreiche Verträge, die eine variable Verzinsung auf Basis des (EUR)IBOR vorsehen, werden in naher Zukunft neu verhandelt und modifiziert werden müssen. Es stellt sich zunächst die Frage, ob solche Vertragsanpassungen bereits die Voraussetzung für eine Ausbuchung nach IFRS 9 erfüllen. In der Rechnungslegungspraxis findet der sogenannte „10 %-Test“ Anwendung, wonach eine Ausbuchung dann erforderlich ist, wenn der abgezinste Barwert der Zahlungsströme eines Finanzinstrumentes unter den neuen Vertragsbedingungen mindestens 10 Prozent von dem abgezinsten Barwert der (ursprünglichen) restlichen Zahlungsströme abweichen. Mit solchen Auswirkungen der Ablösung von EONIA und EURIBOR muss zum aktuellen Zeitpunkt nicht gerechnet werden, da der Wechsel in der Regel mit der Einführung eines vertragsspezifischen Spread verbunden ist, der die Differenz zwischen dem ursprünglichen und dem neuen Referenzsatz ausgleichen soll und somit barwertige Effekte auf ein Minimum reduzieren wird.

Für Finanzinstrumente, deren Modifikation keine Ausbuchung begründet, wäre das Modifikationsergebnis zum Zeitpunkt der Umstellung unmittelbar erfolgswirksam zu erfassen. Es bleibt jedoch abzuwarten, inwiefern das IASB diesen Punkt aufgreifen wird.

IBOR-basierte Diskontierungsverfahren

Abseits der Implikationen der Benchmark-Reform für das Accounting von Finanzinstrumenten nach IFRS 9 sind zahlreiche weitere Posten des Jahresabschlusses direkt und indirekt betroffen. So basieren in etwa Modelle zum Impairment Test nach IAS 36 oder für die Ermittlung von Pensionsverpflichtungen nach IAS 19 auf Referenzzinssätzen, die zukünftig in ihrer bisherigen Form nicht mehr vorliegen werden.

Falls Sie Fragen zu Auswirkungen der Reform oder möglichen Handlungen die Sie heute schon vornehmen können haben sprechen Sie uns gerne jederzeit an. Für eine ausführlichere Diskussion dieses Themas empfehlen wir Ihnen zusätzlich die in den kommenden Wochen anstehenden Termine unseres Accounting Breakfast, in denen wir dieses Thema ebenfalls aufgegriffen haben.

Ansprechpartner
 Andreas Huthmann Managing Partner