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Lügen haben kurze Beine

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…so der Volksmund. Will heißen: Mit Lügen kommt man nicht weit und die Wahrheit kommt irgendwann doch raus (bzw. für die Freunde nutzlosen Wissens ist es auch der Titel einer amerikanischen Filmkomödie aus dem Jahr 2002).

Gerne wird der Begriff „Lügen“ auch durch Worte wie „Flunkern“ oder „Schwindeln“ verharmlost bzw. in vermeintlich „gute Lügen“ abgetan und schon Nietzsche stellte fest: „Die Menschen lügen unsäglich oft.“. Wenig fundierte Statistiken besagen, dass Menschen durchschnittlich 200 Mal am Tag lügen (so der amerikanische Psychologe John Frazier). Sind Sie schon am Zählen? Sind Sie schon im zweistelligen Bereich angekommen? Ich kann Sie beruhigen. Eine Studie des Regensburger Psychologen Helmut Lukesch aus dem Jahr 2011 kommt „nur“ auf durchschnittlich 1,8 also rund 2 Lügen pro Tag. Einer der Gründe für die hohe Diskrepanz ist die Tatsache, dass in dieser Untersuchung Übertreibungen, Auslassungen und Höflichkeiten nicht gezählt wurden, sondern nur „echte“ Lügen. Will heißen: „Der Ausdruck einer subjektiven Unwahrheit mit Ziel und Intention, im Partner einen falschen Eindruck zu schaffen oder zu erhalten.".

Also rollen wir das Feld mal von hinten auf. Die häufigste Lüge ist vermutlich das Wort „gut“, alternativ „prima“, übertrieben „super“ oder schlicht „ja“. Wie geht es Ihnen? Gut! Wohl eine der am meisten verbreiteten fehlerhaften Aussagen überhaupt. Aber will hier jemand tatsächlich die Wahrheit wissen und soll ich ihm jetzt über meine aktuellen Leiden klagen, das kaputte Auto oder den Ärger mit Kollegen? Wohl eher weniger. Aber wenigstens nehmen wir diese Frage in Europa noch einigermaßen ernst. Das amerikanische „How are you?“, inhaltlich genau dasselbe, ist in den USA eher eine Begrüßungsfloskel als eine Frage nach dem werten Wohlbefinden. Gleichwohl wir Europäer sie doch noch ab und an „ehrlich“ beantworten – anstelle eines „fine“ oder „How are you?“. Platz zwei auf der Liste der häufigsten Unwahrheiten aus meiner Sicht: Die Antwort „gut“ auf die Frage des Kellners nach der Speisenqualität, soweit er denn tatsächlich fragen sollte. Aber auch hier natürlich die Überlegung, ob das Bedienpersonal jetzt wirklich Ausführungen im Stile eines Heinz Horrmann zum Arrangement der Speisen und der Konsistenz der Sauce hören möchte. Am Ende des Tages handelt es sich hier wohl eher um Phrasen wie Lügen.

Im Mittelfeld (des Feldes welches wir ja gerade aufrollen) dann die Unwahrheiten. Also Aussagen, die zwar nicht vorsätzlich etwas Falsches sagen, aber auch nicht die Wahrheit. Besonders Schmunzeln musste ich gestern bei meinem Dialog mit der Deutschen Bahn. Meine „geliebten“ Vollkornschnitten (aus meiner Sicht das einzige einigermaßen Genießbare im Zug) wurden von 3 auf 2 je Packung reduziert. Der Preis wurde aber „sicherheitshalber“ unverändert gelassen. Das Feedback hierzu war dann, dass man sich entschlossen hatte, „die Menge anzupassen. Im Zuge dessen hat man die Menge der Füllung/Beläge erhöht“. Die reine Wahrheit wäre gewesen: Stimmt, wir haben die Menge von 3 auf 2 reduziert und den Preis gleich gelassen. Aber so wurde es formuliert, als wäre die Menge erhöht worden. Ähnliche Themen in Gesprächen mit Mitarbeitern bei denen man sich nach dem Wohlbefinden oder der Zufriedenheit mit der Entwicklung erkundigt. Alles bestens, alles im Lot etc. Und vier Wochen danach? Die Kündigung. Eigentlich schade. Würde man nicht die Unwahrheit sagen, hätte man daran eventuell noch etwas ändern können. Oder die Enttäuschung beim Vorgesetzen wäre nicht so groß gewesen bzw. das Grübeln über das mangelnde Vertrauen. Schade.

Die letzte Stufe, die absichtliche, bösartige Lüge, spare ich mir an dieser Stelle.

Dann lieber noch ein Zitat von Christoph Drösser aus der Zeit: „Unsere Gesellschaft würde zusammenbrechen, wenn wir einander stets die nackte Wahrheit sagen würden. Aber wenige Lügen am Tag reichen aus, um den Frieden zu wahren.“

Nicht ganz in diesem Sinne, haben Sie den Mut zur Wahrheit, aber überlegen Sie auch, ob die Wahrheit in der jeweiligen Situation wirklich angebracht ist.

Bis bald

Ihr

Ingo Weber