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TTIP und die Sache mit Vertrauen, Transparenz und Kontrolle

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TTIP was? Transatlantic Trade and Investment Partnership, auch Transatlantisches Freihandelsabkommen (früher TAFTA).

Der ein oder andere kennt es, gerne auch von der Diskussion um das Risiko des Verkaufs amerikanischer Chlor-Hühnchen in Deutschland oder der Möglichkeit, vor dem Hintergrund des Investorenschutzes für Unternehmen Länder zu verklagen (aktuelles Beispiel: Chevron wurde von ecuadorianischen Gerichten wegen massiver Umweltverschmutzung zu 9,5 Mrd. Dollar Schadenersatz verurteilt– zu Unrecht, erklärt Chevron. Zuletzt hatte ein US-Gericht die Sicht des Ölmultis bestätigt…).

Nun, am Mittwoch, im Handelsblatt: „Norbert Lammert (der Bundestagspräsident) hat gesiegt… die Abgeordneten des Bundestages (dürfen(!)) die „konsolidierten Unterlagen“…einsehen. Dazu stellt das Wirtschaftsministerium einen Raum (!) zur Verfügung...Bisher durften nur Beamte…zu bestimmten Zeiten in der Berliner US-Botschaft (die Dokumente) einsehen…Der Leseraum für die rund 600 Abgeordneten besteht…nur aus acht Arbeitsplätzen mit Computern, an denen die Abgeordneten die Dokumente nur vier Stunden (!) am Tag einsehen dürfen. Die Dokumente sind als geheim eingestuft, d. h. die Abgeordneten dürfen weder Fotos noch andere Kopien anfertigen, allenfalls Notizen mit Stift und Papier sind erlaubt….Wie soll ein einzelner Abgeordneter hunderte von Seiten Unterlagen in juristischem Englisch allein auswerten?“.

Und genau hier beginnt die Sache mit Vertrauen, Transparenz und Kontrolle. Ohne Transparenz, kein Vertrauen? Oder ist es eher andersrum? Braucht man keine Transparenz, wenn man Vertrauen hat? Braucht man Kontrolle, wenn Vertrauen und/oder Transparenz besteht? Hierzu lassen sich sicherlich zahlreiche Beispiele finden.

Beginnen wir, sozusagen zum Einstieg für alle, mit dem privaten Bereich: Schatz, bei mir wird’s heute später, ich muss noch so viel erledigen. Schatz, ich bin nächste Woche auf Dienstreise und wegen der vielen Termine schlecht erreichbar. Vertrauen (wird schon richtig sein), Transparenz (erklären hilft) oder Kontrolle (der ebenso benannte Anruf)?

Als Steigerung, der berufliche Bereich, im ersten Schritt der Berufseinstieg: Wie gestalte ich meinen Lebenslauf? Möglichst ausführlich, um dem potenziellen Arbeitgeber möglichst viel Transparenz zu geben (aus meiner Sicht ein klares „Ja“, aber bitte mit Maß und Ziel)? Vertraue ich als Unternehmen auf die Angaben des Bewerbers (Stichwort: wohlwollende Zeugnisse bzw. die generelle Problematik der mangelnden Aussagekraft der Zeugnisse) oder kontrolliere ich die Angaben bzw. hinterfrage diese kritisch (leider sind Referenzanrufe in Deutschland immer noch rechtlich unklar bis sogar verpönt, gleichwohl hochgradig sinnvoll)?

Und im späteren Berufsleben: Wie eng werden die Mitarbeiter geführt? Führe ich sie „eng“ und kontrolliere stetig den Arbeitsfortschritt und die Arbeitsergebnisse? Oder vertraue ich in die Eigenmotivation und die Selbstdisziplin der Kollegen? Wieviel Transparenz soll ich meinem Chef geben? Die Antwort, vermutlich ein rechtsanwaltstypisches „Es kommt drauf an…“. Hier macht es sicherlich Sinn, sich vorab Gedanken über seinen Counter Part zu machen. Ist der Chef/die Chefin eher der Typus „Kontrollfreak“ oder eher „Management by Exception“? Ist der Mitarbeiter/die Mitarbeiterin strukturiert, voller Energie und pflichtbewusst? Oder vielleicht eher der kreative Chaot?

Abschließend beim Unternehmenskauf: Die Notwendigkeit der Durchführung einer Due Diligence, einer vertrauensvollen Durchsicht. Auch hier: Wieviel vertraue ich dem Veräußerer? Wieviel Kontrolle ist notwendig/möglich (beim Kauf mittelständischer Unternehmen teilweise aus „klimatischen“ Gesichtspunkten schwierig)? Und wieviel Transparenz schaffe ich, einerseits um dem Käufer ein gutes Gefühl zu geben, andererseits aber auch nicht zu viel Preis zu geben, um den Kauf zu gefährden oder den Preis zu reduzieren? Teilweise im Übrigen auch spieltheoretisch sehr spannend.

Alles in allem kann man wohl sagen, dass mangelndes Vertrauen zu mehr Kontrolle und mehr Transparenz zu mehr Vertrauen führt (in Abhängigkeit was die Transparenz ergibt…). Insofern kann man wohl grundsätzlich raten, genügend Transparenz zu schaffen, sowohl im privaten als auch im beruflichen Bereich, aber bitte die Grenze zum Information Overload/Overkill beachten. Gleichzeitig sollte man grundsätzlich im ersten Schritt einen Vertrauensvorschuss gewähren und nicht sofort mit dem Wunsch nach mehr Transparenz und durch mehr Kontrolle ein Misstrauensklima schaffen. Schöne Grüße an dieser Stelle an die Reportingkultur und KPI-Fixierung in manchen Unternehmen.

Insofern lässt sich das mangelnde Vertrauen in TTIP durch die nicht vorhandene Transparenz sehr deutlich erklären. Noch schlimmer wird es, wenn der Wunsch nach Kontrolle auch noch so offensichtlich abgeblockt wird. Erschreckend. Es stellt sich die Frage, wie ein Abgeordneter überhaupt zustimmen kann. Soviel zum Thema Demokratie: „Regierungsform, bei der eine gewählte Volksvertretung die politische Macht ausübt.“

In diesem Sinne, schaffen Sie Transparenz, geben Sie einen Vertrauensvorschuss und kontrollieren Sie nur soweit es wirklich notwendig ist.

Bis bald

Ihr

Ingo Weber