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Vom defensiven Entscheiden und Enthusiasten mit kurzem Atem

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Kennen Sie defensive Entscheider? Man findet sie überall, bevorzugt in Großkonzernen, aber auch in anderen Organisationen jeder Größe. Es sind die Leute, die ausführlich analysieren, Für und Wider abwägen und dies so lange tun bis die Entscheidung sich erübrigt hat oder am Ende trotz aller Analysen – und vielleicht entgegen der inneren Überzeugung – sich nicht für die analytisch beste, sondern die (für sie selber) risikoärmste Variante entscheiden. Ein Beispiel für diese erste Variante sind Manager, die entscheiden müssen, ob sie ein neues Produkt auf den Markt bringen wollen und die Entscheidung so lange hinauszögern bis sie die Sicherheit haben, dass es kein Erfolg wird, da inzwischen der Wettbewerber das Segment besetzt hat. Da kann der Entscheider ja nichts dafür – er hat nur gründlich analysiert und leider waren die anderen schneller und wer weiß ob es nicht sowieso schief gegangen wäre. Hierzu fällt mir spontan der alte Spruch ein: „Wer nichts macht, macht auch nichts falsch.“. Die zweite Variante Entscheider wählt regelmäßig lieber einen großen Namen anstatt den besser passenden Spezialisten. Wenn etwas schief geht – und es kann immer etwas schief gehen – kann es nicht an der Entscheidung gelegen haben. Wir hatten ja immerhin Big4 XYZ an Bord. „Cover your ass“ oder fast schon historisch „Nobody ever got fired for buying IBM.”, wie der Amerikaner sagen würde. Egal welche Ausprägung des defensiven Entscheidens es am Ende ist, führt sie doch letztlich dazu, dass einerseits selten die optimalen Entscheidungen getroffen werden und anderseits der (Nicht-)Entscheider sich leider zu oft der Verantwortung entziehen kann.

Dies soll natürlich kein Plädoyer dafür sein, wenig fundierte Entscheidungen zu treffen oder sich pathologisch auf Risiken zu stürzen, sondern vielmehr dazu anhalten, Entscheidungen aktiv zu treffen, sich darauf einzulassen, dass diese auch falsch sein können und sie dann gegebenenfalls auch schmerzhaft zu korrigieren. Man kann den obigen Spruch auch abwandeln zu: „Wer nichts falsch macht, macht wahrscheinlich gar nichts.“ und Mitarbeiter und Führungskräfte, die nichts machen brauchen Sie in Ihrem Unternehmen wahrscheinlich weniger.

Und dann gibt es noch das gefühlte Gegenteil der defensiven Entscheider. Gemeint sind die Enthusiasten, die in jedem Meeting eine neue Idee präsentieren, aufgrund ihrer eigenen Begeisterung auch die Kollegen mitreißen, aber es versäumen die Idee soweit aufzubereiten, dass sie umgesetzt werden kann oder – nachdem der erste Glanz verblasst ist – gleich neue Ideen anbringen und die alte Idee stillschweigend zur Seite schieben. Das Problem ist, dass diese Kollegen vermeintlich dynamisch sind, aber in Wirklichkeit einen Friedhof von (teils hervorragenden) Ansätzen hinterlassen und mit ihrem Enthusiasmus zudem auch noch verschleiern, dass sie ihre eigentlichen Kernaufgaben schleifen lassen. In der Zwischenzeit beanspruchen sie die Kapazitäten der Kollegen, die sich haben begeistern lassen.

Auch dies soll kein Plädoyer gegen Innovatoren und Out of the Box-Denker sein, sondern vielmehr darauf hinweisen, dass gute Ideen zwar spontan kommen können (meistens sogar), es dann aber einer fundierten Entscheidung Bedarf, diese zu verfolgen oder zu verwerfen. Im ersten Fall ist dann auch eine konsequente Herangehensweise notwendig. Eine gute Idee halbherzig anzugehen ist im Zweifel nicht besser, als eine schlechte Idee mit viel Engagement zu verfolgen. Und da leider Zeit und Ressourcen endlich sind, ist es notwendig, sich aktiv für ausgewählte Initiativen zu entscheiden anstatt das Unternehmen mit unausgegorenen Ansätzen zu lähmen.

Sowohl defensives Entscheiden als auch das dauernde Abfeuern von Ideen (die dann versanden) sind Verhaltensweisen, mit denen sich Verantwortliche aus eben dieser Verantwortung stehlen. Damit Ihr Unternehmen weiterkommt und wirklich etwas passiert, sollten Sie im ersten Schritt natürlich Ihr eigenes Verhalten auf Ansätze für defensives Entscheiden oder kurzatmigen Enthusiasmus kritisch reflektieren. Im nächsten Schritt gilt es, die Nicht-Entscheider und kurzatmigen Enthusiasten im Unternehmen zu identifizieren und in die Verantwortung zu nehmen. Dem defensiven Entscheider sollten Sie klar machen, dass Sie ihn auch für nicht getroffene Entscheidungen oder verpasste Chancen verantwortlich machen bzw. umgekehrt auch bereit sind, Fehler zu verzeihen. Den kurzatmigen Enthusiasten bekommen Sie am besten in den Griff, indem Sie für neue Initiativen eine entsprechend strukturierte Vorlage einfordern und nicht vorbereitete Initiativen konsequent die Diskussionszeit versagen und dann im Nachgang auch eine konsequente Verfolgung der Initiative einfordern. Alternativ leisten Sie sich den Enthusiasten als Ideengenerator und stellen dann nur sicher, dass die weitere Analyse und Ausarbeitung an anderer Stelle konsequent verfolgt wird.

In diesem Sinne nehmen Sie das Heft in die Hand und bekämpfen Sie entwicklungsbremsende Verhaltensweisen in Ihrem Unternehmen.

Ihr

Andreas Huthmann