Kontakt

Vom Lunch- und Dinner-Cancelling

Blog -

Die Konjunktur brummt, der Wirtschaftsmotor läuft auf Hochtouren, alle stehen unter Strom und es gibt einfach zu wenig Zeit. Aber Halt! Kann es denn überhaupt zu wenig Zeit geben? Eigentlich nicht. Denn die Zeit ist ja immer gleich. Der Tag hat 24 Stunden, die Stunde 60 Minuten sowie die Minute 60 Sekunden hat und das Jahr 365 Tage (zumindest meistens). Insofern kann es eigentlich nicht zu wenig Zeit geben, sondern zu wenig Zeit für eine bestimmte Tätigkeit. Auch in diese Kategorie fällt die leider häufig getroffene Aussage: „Ich habe keine Zeit.“. Eigentlich wäre es richtiger zu sagen: „Ich habe dafür keine Zeit.“ oder noch deutlicher: „Ich habe aktuell andere Prioritäten.“. Aber ich habe keine Zeit umschreibt es wohl eleganter, wenn auch nicht ganz so ehrlich.

Was in letzter Zeit aus meiner Sicht allerdings immer mehr zugenommen hat, ist die schöne Aussage: „Lassen Sie uns doch mal Mittagessen gehen.“. Noch vor ein paar Jahren erschien dies – zumindest mir – als eine freundliche Aufforderung, die Mittagspause bei Speis und Trank gemeinsam zu verbringen und sich zu den Themen, die die Welt bewegen, und selbstverständlich auch über verschiedenste Fachlichkeiten, auszutauschen. Der Trank dabei natürlich alkoholfrei – meistens. Inzwischen ist die (vermeintliche) Essenseinladung leider zur Floskel verkommen. „Lassen Sie uns doch mal Mittagessen gehen.“ rangiert heute auf der Floskel-Skala nur noch kurz nach Aussagen wie „Ich ruf Dich an!“, „Toll schaust Du aus!“ oder „Wie geht’s Dir?“. Eigentlich schade.

Was die Sache allerdings nun noch zusätzlich verkompliziert, ist die vorgenannte fehlende (sic!) Zeit. Lässt sich jetzt ein Zeitgenosse partout nicht davon abbringen, einen Lunchtermin zu vereinbaren, hat man ein Problem. Der Termin steht im Kalender, aber eigentlich hat man ja keine Zeit; will heißen: aktuell etwas Wichtigeres, Dringenderes oder Schöneres zu tun. Es bleibt folglich nichts anderes übrig, als den Lunchtermin abzusagen. Eigentlich schade. Manchmal wäre es doch besser, gleich zu sagen: „Ich glaube ein vertiefendes Gespräch macht keinen Sinn.“ oder ähnliches (wenngleich man sich natürlich ein ganz offenes Feedback, nämlich, dass man schlichtweg das Gegenüber nicht sympathisch genug für ein Essen findet, eventuell elegant verkneifen sollte). Fühlen Sie sich ertappt? Ich leider manchmal auch…

Will man dem Ganzen etwas Positives abgewinnen, so wäre es die Tatsache, dass durch das Auslassen des Mittagessens, die Kalorienzufuhr reduziert und die schlanke Linie unterstützt wird. Leider ist aber häufig das Gegenteil der Fall. Nicht nur das Mittagsessen, auch die Mittagspause entfällt. Belegte Brötchen (in Schwaben gerne LKW – Leberkäs-Weckle) oder Schokolade aus der magischen Schreibtischschublade sind der – nicht adäquate – kalorienreiche Ersatz. Zudem macht sich häufig, spätestens am Nachmittag, die fehlende mittägliche Unterbrechung auch konditionell bemerkbar.

An Stelle des Lunch-Cancelling, ist dann doch eher das Dinner-Cancelling zu empfehlen. Will heißen: Der Verzicht auf Nahrungsaufnahme ab einer bestimmten Uhrzeit, um dem Körper genügend Zeit bis zum Frühstück zu geben und sich ohne Verdauungsarbeit über die Nacht zu regenerieren. Insofern lieber auf Wiedersehen Kartoffelchips auf dem Sofa oder Burger mit Pommes und dafür etwas Vernünftiges zum Mittagessen. Aber bitte jetzt nicht die falschen Schlüsse ziehen. Auch Abendessen absagen ist nicht die feine englische Art. Insbesondere dann nicht, wenn man auf Grund des schönen Wetters vielleicht spontan etwas anderes vorhat.

In diesem Sinne, gönnen Sie sich die Mittagspause, aber nur mit wem Sie wirklich wollen!

Bis bald

Ihr
Ingo Weber